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10.03.2021
Gesamt- und Konzernbetriebsrat: Vorstand will Wuppertal und Eltmann opfern

Im neuen GKBR-Infoblatt Nr. 08/2021 informieren wir über den Stand der SPACE-Gespräche in Wuppertal und Eltmann und interviewen den Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Salvatore Vicari

zum Download:
08_Infoblatt_kompakt_GKBR_2021

Vorstand will Wuppertal und Eltmann opfern

Management will die Schaeffler-Standorte für höhere Rendite schließen

Am 09.09.2020 verkündete der Schaeffler-Vorstand, dass er die Industrie-Standorte Wuppertal und Eltmann im Rahmen des Restrukturierungsprogramms „SPACE“ schließen wolle. Ein Teil der Produktion soll nach Schweinfurt gehen, ein Teil ins günstigere Ausland verlagert werden. Seitdem kämpften die Betriebsräte mit Unterstützung von Gesamt- und Konzernbetriebsrat, IG Metall und Politik um das Überleben ihrer Standorte.

Die Betriebsräte Wuppertal und Eltmann entwickelten mit dem INFO-Institut jeweils Alternativkonzepte. Das Alternativkonzept würde am rentablen Standort Eltmann zusätzlich rund 18 Millionen Euro im Jahr einsparen. Die Belegschaft würde damit von knapp 450 auf rund 500 Beschäftigte steigen. Der Vorstand besteht aber auf einer Schließung von Eltmann und die Belegschaft soll nach Schweinfurt pendeln.

Ulrich Schöpplein, Betriebsratsvorsitzender in Eltmann, erklärt dazu: „Wochenlang entwickelten wir Alternativkonzepte, diskutierten intensiv mit dem Management. Doch kaum hatten wir Einsparungen ermittelt, sattelte der Arbeitgeber obendrauf. Offenbar will man jeden Cent herausquetschen. Dem Vorstand muss klar sein, dass ein Sozialplan für Eltmann und Wuppertal sehr teuer wird. Wir haben kampferprobte Belegschaften.“

Mit dem Alternativkonzept des Betriebsrats wäre in Wuppertal der vom Management eingeforderte Gross Profit II (Rohgewinn) von 35% fast erreichbar. Von rund 750 Arbeits- und Ausbildungsplätzen würden 428 bleiben. Das Konzept wäre zwar schmerzhaft, aber noch tragbar. Doch der Arbeitgeber hält stur an seinen Schließungsplänen fest. In Wuppertal würden so nur 25 Beschäftigte übrigbleiben.

Özgür Sönmezcicek, Betriebsratsvorsitzender in Wuppertal, betont: „Der Arbeitgeber will uns trotz des tragfähigen Konzepts keine Chance geben. Wir sind extrem enttäuscht und wütend. Heute informieren wir in einer Betriebsversammlung, danach skandalisieren wir das unsoziale Verhalten des Schaeffler-Managements öffentlich. Klar ist: Wir lassen uns nicht billig mit dem ‚normalen‘ Sozialplan abspeisen!“

 

Interview mit Salvatore Vicari

Der Gesamtbetriebsrats-Vorsitzende nimmt Stellung zum Stand von SPACE

Trotz der Alternativkonzepte in Eltmann und Wuppertal hält der Schaeffler-Vorstand an den Schließungen fest. Welche Gründe werden dafür genannt?

Für beide Standorte wurden betriebswirtschaftliche Alternativkonzepte erarbeitet, die absolut tragfähig waren und eine Fortführung der Standorte ermöglicht hätten. Das Besondere: Die Alternativkonzepte wurden von örtlichen Führungskräften, Betriebsräten und INFO-Institut gemeinsam erarbeitet.

Beide Konzepte zeigten deutliche Einsparungspotentiale auf, die eine langfristige Fortführung von Wuppertal und Eltmann ermöglicht hätten. Die Vorgaben des Unternehmens waren immens hoch. Auch wenn nicht punktgenau die vom Unternehmen geforderte Margen erreicht wurden, wäre die Produktion in Wuppertal und Eltmann, auf Basis der Alternativkonzepte, rentabel möglich gewesen. 

Wie fühlst du dich in dieser Situation und wie bewertest du diese?

Meine Gedanken sind bei den Beschäftigten und deren Familien sowie den Regionen, die mit dieser Vorstandsentscheidung vor ein Desaster gestellt werden. Ich bin verärgert, dass Alternativen an beiden Standorten aufgezeigt wurden, aber den Verantwortlichen ist gut nicht gut genug.

Meine große Sorge sind die Perspektiven für die deutschen Standorte. Bei SPACE ist das Unternehmen gewillt, tiefgreifende Konsolidierungen der deutschen Standorte umzusetzen, statt ihnen mit einer innovativen Strategie eine Perspektive aufzuzeigen. Mein Appell: Schaeffler muss den deutschen Standorten Alternativen zu den Herausforderungen in der E-Mobilität, der Digitalisierung und einer stärkeren Regionalisierung aufzeigen!

Die von den Betriebsräten in Wuppertal und Eltmann und in den anderen von SPACE betroffenen Standorten erarbeiteten Alternativen sollten als Grundlage und Entwicklungspotential gesehen werden. Kurzfristige Margenverbesserung sollte nicht über einer langfristigen Strategie für die deutschen Standorte und deren Beschäftigung stehen.

Daher sehe ich nur eine Antwort auf die Frage, ob es eine echte Alternative zu den Schließungen der Standorte gab: Ja! Die Betriebsräte in Eltmann und Wuppertal haben dies aufgezeigt, aber das Management stellt eine angestrebte Marge über die Zukunft von Standorten und Beschäftigten.

Was ist der aktuelle Stand in den anderen von SPACE betroffenen Standorten?

Seit Januar verhandeln die örtlichen Betriebsräte die Interessenausgleiche für ihre Standorte. Parallel dazu läuft das Freiwilligenprogramm im Unternehmen. Die Verhandlungen sind sehr arbeitsintensiv und wir lagen richtig darin, Sachverständige einzubeziehen.

Die Rechtsanwaltskanzlei Schwegler und das INFO-Institut unterstützen die örtlichen Betriebsräte und koordinieren, mit dem Gesamt- und Konzernbetriebsrat, die Interessenausgleiche der Standorte. In einzelnen Verhandlungen zeigen sich klare Kompromissfelder auf. Wir befinden uns momentan in einer sehr dynamischen Verhandlungsphase.

Es sind wohl sehr zeitnah erste Abschlüsse der Interessenausgleiche möglich. Auch wenn der Arbeitgeber an Schließung und Verkauf von Standorten – trotz tragfähigen Alternativkonzepten – festhält, werden wir weiter alles tun, um das Beste für die Kolleginnen und Kollegen „herauszuholen“.

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